Wenn die Brille allein nicht mehr ausreicht

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Wenn die Sehfähigkeit nachlässt und der Versuch, Abhilfe zu schaffen mit einer stärkeren Brille scheitert, ist die erste Lösung der Griff zur Lupe. Zudem gibt es Augenerkrankungen oder Sehbehinderungen, bei denen man die Sehschwäche nicht mit einer Brille ausgleichen kann, so dass nur Lupen oder andere technische Hilfsmittel helfen können. Wir zeigen, auf was Sie dabei achten sollten.

Grundlagen

Betrachtet man einen Gegenstand oder einen Text durch eine Lupe, blickt man eigentlich nicht auf den Gegenstand selbst, sondern das Auge erfasst eine Art virtuelles Bild, das durch die Lupe präsentiert wird. Die Lupe wird nicht, wie eine Brille oder die Nahlupe eines Uhrmachers, direkt vor dem Auge gehalten, sondern in einem definierten Abstand zum Text. Je höher der Vergrößerungsfaktor der Lupe ist, desto empfindlicher reagiert das Bild auf kleine Änderungen des Abstands.

Vergrößerungsfaktor

Damit eine Lupe auch wirklich hilft, ist meist ein Vergrößerungsfaktor von 4 eine sinnvolle Wahl für den Altagsgebrauch. Solche Lupen stellen Text wirklich deutlich größer dar und sind leicht zu handhaben. Je höher die Vergrößerung ist, desto präziser muss man die Abstände zwischen Text und Lupe sowie Lupe und Auge einhalten.

Aber: 4 ist nicht gleich 4. Oftmals findet man bei großen Discountern Angebote für Senioren. Da werden Lupen angepriesen, für die eine Vergrößerung von Faktor 2 bis 4 angegeben ist. Solche Lupen sind zum Lesen von Text absolut untauglich. Sie bestehen aus Haupt-Linse (mit Faktor 2) in die ein kleiner kreisförmiger Ausschnitt mit einer stärker vergrößernden Linse (Faktor 4) eingefügt ist. Das Lesen mit Vergrößerungsfaktor 2 bringt meist keine effektive Hilfe bei kleinem Text. Hingegen durch den kleinen Ausschnitt zu blicken, ist extrem anstrengend und eignet sich bestenfalls für einzelne Zeichen. Zudem braucht dies einen dichteren Abstand zum Text. Insgesamt stört dieser zusätzliche Bereich beim Lesen eher als dass er hilft.

Bei Online-Angeboten sind vielfach die Produktbilder so gestaltet, dass der Betrachter die genaue Konstruktion nicht sieht. Hier ein Beispiel für eine als

„Bifokal – Lupe CS2189x von Pricon mit zwei Vergrößerungsstärken in verschiedenen Größen“

angebotene Lupe.

Foto einer Lupe, der Blick von schräg oben, der zusätzliche Vergrößerungsbereich ist nicht zu sehen.

Und die bei Amazon angebotene Lupe:

“ TFA Dostmann Handlupe, Vergrößerung 2-Fach und 4-Fach, 43.3001, handlich, robust, nützliche Sehhilfe“, bei der man aber die Bauweise deutlich sehen kann.

Foto einer Lupe, die Sicht gerade von oben, der eingefügte Bereich für die 4-fache Vergrößerung ist zu sehen.

Durchmesser

Der Durchmesser der Linse hat keinen Einfluss auf den Durchmesser des Sichtfeldes. Die Grösse des scharf abgebildeten Sichtfeldes hängt mit der Stärke der Vergrösserung zusammen. Je stärker die Vergrösserung desto kleiner das Sichtfeld. (1).

Bei hoher Vergrößerung (5x-10x) nimmt zudem der Arbeitsabstand ab, was bei gleichzeitig deutlich kleinerem Sehfeld das Lesen erschwert.

Die Bilder zeigen die Vergrößerung mit 10x

Rund oder eckig?

Eckige Lupen (Rechtecklupen) ermöglichen ein breiteres, natürlicheres Lesefeld und eignen sich damit gut für Text. Textzeilen oder Spalten bleiben im Blickfeld. Man muss sie aber parallel zur Zeile halten, um das Sichtfeld auch wirklich zu nutzen. Dadurch müssen Arm und Hand immer in ähnlicher Position verbleiben, was bei längerem Gebrauch zumindest unbequem werden kann.

Runde Lupen bieten ein klassisches, oft größeres Sichtfeld für allgemeine Aufgaben, Beim Lesen können Sie hier aber Ihre Haltung einfacher variieren. Der Bildausschnitt ist dafür relativ kleiner. Eckige Formen ermöglichen ein breiteres, natürliches Lesefeld, während runde Formen bei gleicher Linsengröße effizienter vergrößern

Exkurs Nystagmus: Wer zusätzlich zur Sehschwäche mit einem Nystagmus (einem, oftmals angeborenen, unwillkürlichen Augenzittern) zu kämpfen hat, kommt möglicherweise mit einer runden Lupe gut zurecht. Die Lupe lenkt beim Lesen ein wenig die Blickrichtung und erleichtert es, gezielt ein einzelnes Wort zu erfassen.

Aplanat-Lupen – die Besonderen

Eine Aplanat-Lupe ist ein hochwertiges Vergrößerungsglas, das durch die Kombination von mindestens zwei Linsen (oft plankonvex) eine randscharfe und verzerrungsfreie Abbildung bis zum Rand ermöglicht.

Grafik von zwei aufrecht nebeneinander stehenden Linsen; die gewölbte Seite zeigt jeweils nach innen, die gerade Seite nach außen.

Sie korrigiert sphärische Aberration und Koma, also die Deformation des Bildes für den Betrachter. Das Bild bleibt auch zum Rand hin scharf und unverzerrt. Das zahlt sich besonders bei großen Vergrößerungen aus, weil hier die Fehler, verglichen mit schwächeren Lupen, besonders gravierend sind.

Meist bestehen sie aus zwei oder drei Linsenelementen, was sie deutlich teurer macht, als herkömmliche Lupen. Häufig werden sie als Einschlaglupe angeboten, für Juweliere, Geologen oder Techniker, die präzise Details benötigen.

Eine Weiterentwicklung sind aplanatisch-achromatische Lupen. Sie korrigieren zusätzlich Farbfehler (Chromatische Aberration) für eine farbechte Darstellung.

Aplanatische Lupen bieten somit eine deutlich höhere Abbildungsqualität als Standard-Bikonvexlinsen, besonders bei höheren Vergrößerungsfaktoren.

Asphärische Linsen

Asphärisch nennt man Linsen, die keine kugelförmige, nach außen gewölbte Oberfläche haben. Dadurch bieten sie eine randscharfe, verzeichnungsfreie Abbildung.

Wie bei Aplanatlupen werden Abbildungsfehler, insbesondere die sphärische Aberration, korrigiert oder minimiert. Das Ergebnis ist eine verbesserte Sehqualität, hohe Kontrastschärfe (besonders bei schlechten Lichtverhältnissen) und eine verzerrungsfreie Sicht, auch zum Rand hin.

Die Linsen werden auch als PXM®-Leichtlinsen angeboten, die sich durch leichtes PXM®-Kunststoffmaterial auszeichnen. Die Eigenschaften dieser Linsen resultieren aus der Kombination ihres Materials und Designs, die besonders bei optischen Sehhilfen wie Lupen der Marke Eschenbach zum Einsatz kommen.

Bei dem PXM®-Material handelt es sich um einen transparenten und bruchsicheren Kunststoff (Polymethylmethacrylat, PMMA). Dieses Material ist deutlich leichter als Glas, was zu einem höheren Komfort bei der Handhabung der Lupen führt. Es ist außerdem formstabil und vergilbt nicht durch Sonneneinstrahlung.

Zusätzlich haben diese Linsen eine cera-tec®-Beschichtung: Diese macht die Oberfläche besonders kratzfest und widerstandsfähig.

Asphärisch vs. Aplanat

Die beiden Lupen-Arten unterscheiden sich primär in der Anzahl der Linsen und der Präzision der Korrektur. Während eine asphärische Lupe meist aus einer einzelnen Linse besteht, ist eine Aplanat-Lupe ein optisches System, das oft zwei Linsen kombiniert.

Asphärisch: Bietet eine randscharfe Abbildung und reduziert Verzeichnungen am Rand deutlich. Sie ist ideal für großflächiges Lesen.

Aplanatisch: Liefert eine noch höhere optische Präzision. Sie ermöglicht eine absolut verzeichnungsfreie und randscharfe Sicht, was besonders bei hohen Vergrößerungen (ab ca. 8-fach) entscheidend ist, um Objekte ohne Geometriefehler zu betrachten. Die Lupen werden häufig für technische Inspektionen, im Labor oder als Messlupen eingesetzt, wo es auf absolute Maßhaltigkeit bis zum Rand ankommt

Asphärische Lupen sind die Standardwahl für hochwertige Lese- und Alltagshilfen.

Stand- oder Handlupe?

Standlupen und Handlupen haben jeweils spezifische Stärken, die sie für unterschiedliche Situationen prädestinieren.

Standlupen (Aufsetzlupen) werden direkt auf das Lesegut aufgesetzt oder sitzen an einem schwenkbaren Arm. Das bietet mehr Stabilität. Das kann helfen, wenn die Hand zittert oder motorische Einschränkungen bestehen. Die Lupe hält einen festen optimierten Abstand zum Objekt, Dieser Vorteil relativiert sich aber bei größeren Textseiten, weil eben nur der Abstand zu gerade unter der Lupe befindlichem Text gut passt. Zudem liegen Buchseiten oder eine Zeitung nicht immer so gerade, wie der „Vorführtext“.

Sehr nachteilig können sich Reflexionen auf der Oberfläche der Lupe auswirken, je nach Beleuchtungssituation am Arbeitsplatz. Das kann auch eine integrierte Beleuchtung nicht vollständig ausgleichen.

Nicht zuletzt sind sie unflexibler und schwerer.

Handlupen werden klassisch am Griff gehalten und frei bewegt. Sie sind flexibler und ideal für den schnellen Einsatz unterwegs, z. B. zum Lesen von Preisschildern, Fahrplänen oder Medikamentenpackungen. Mit ihrer kompakten Form passen sie in jede Tasche.

Ein großer Vorteil beim Lesen von Text ist aber die variable Distanz. Der Nutzer kann den Abstand zwischen Auge, Lupe und Objekt intuitiv anpassen. Durch eine leichte Neigung der Lupe kann man Reflexionen reduzieren. Zugegeben, das braucht ein wenig Übung.

Und langes Halten kann anstrengend sein; bei unruhiger Hand wird das Bild unscharf. Manchmal benötigt man auch beide Hände beim Arbeiten.

Mit Beleuchtung oder ohne?

Eine integrierte Beleuchtung bei Lupen bietet erhebliche Vorteile für die Lesbarkeit, bringt aber auch ein paar Nachteile mit sich, die man abwägen sollte.

Die Hauptstärke der integrierten Beleuchtung liegt in der Verbesserung des Kontrasts und der Unabhängigkeit von Umgebungslicht.

Die Nachteile sind meist praktischer Natur und weniger optischer Art. Die Lupe benötigt eine Stromquelle (Batterien oder Akkus), die regelmäßig gewechselt oder aufgeladen werden muss. Aufgrund des Batteriefachs sind sie schwerer und etwas voluminöser als ihre unbeleuchteten Pendants.

Die Elektronik stellt eine zusätzliche Komponente dar, die defekt sein kann (z.B. durch Wasserschaden oder fallengelassene Lupe), wohingegen eine einfache Glas- oder Kunststofflinse kaum kaputt geht.

Auch die höheren Anschaffungskosten spielen eine Rolle.

Für die meisten Anwender, insbesondere bei nachlassender Sehkraft im Alter, überwiegen die Vorteile der besseren Ausleuchtung und des erhöhten Kontrasts die kleinen Nachteile der Batteriewartung bei Weitem.

Was ist ein Leseglas

Ein Leseglas ist eine Form der Lupe. Der Unterschied liegt eher in der gebräuchlichen Definition, der Vergrößerungsstärke und dem Anwendungsbereich als in der zugrunde liegenden Technologie.

Ein Leseglas ist primär für das großflächige und längere Lesen von Texten konzipiert, wie Büchern, Zeitungen oder Briefen. Es bietet typischerweise geringere Vergrößerungen im Bereich von 2x bis 6x. Oft sind es größere Linsen, die eine ganze Zeile oder mehr erfassen können, um ein flüssiges Lesen zu ermöglichen. Bei qualitativ hochwertigen Modellen kommen meist asphärische Linsen zum Einsatz, die eine randscharfe, verzeichnungsfreie Abbildung bieten.

Der Begriff „Lupe“ ist der Oberbegriff und wird für jedes optische Gerät zur Vergrößerung verwendet. Er ist oft mit der Detailbetrachtung verbunden. Lupen decken einen viel breiteren Bereich an Vergrößerungen ab, von geringen Stärken bis hin zu sehr hohen Vergrößerungen (z.B. 10x, 20x oder mehr) für technische Zwecke, Sie können sehr klein und kompakt sein (Taschenmikroskope, Einschlaglupen) oder spezielle Bauformen haben (Uhrmacherlupen, Aplanat-Lupen). Je nach Anwendungsfall steht die maximale Vergrößerung oder die höchste Präzision (wie bei aplanatischen Systemen) im Vordergrund.

Der Übergang von Lupe zu Leseglas ist also fließend: Jedes Leseglas ist eine Lupe. Nicht jede Lupe ist ein Leseglas).

Fazit

Wenn Sie eine Lupe benötigen, probieren Sie mehrere aus bei einem Optiker. Und vor allem: nehmen Sie dazu Ihre Tageszeitung und Ihr Lieblingsbuch mit zum Ausprobieren. Je nach Grad der Sehschwäche, übernehmen Krankenkassen auch einen Teil der Kosten.

Zum Lesen von Text empfehlen wir eine Lupe mit 4-facher Vergrößerung.

Bei Standlupen beachten Sie, dass zu Hause oder dort, wo Sie lesen, nicht die perfekte Beleuchtung wie beim Optiker vorhanden ist. Die Lupen sind sehr anfällig für Reflexionen. Meist ist eine Handlupe – sofern man sie noch einigermaßen ruhig halten kann – die bessere Wahl.

Unser Favorit zu Hause ist ganz klar ein Leseglas der Firma Eschenbach (von der wir nicht gesponsort werden oder einen Werbevertrag haben) mit 5-fach Vergrößerung und einem Glasdurchmesser von knapp 6 cm. Die vergrößert gut, ist nicht zu empfindlich bei wechselnden Abständen und bietet ein fast verzerrungsfreies Bild, obwohl sie (leider) nicht asphärisch ist. Sie hat keine Beleuchtung, weil sie oft auch am Notebook bei der Neuinstallation von Betriebssystemen oder technischen Problemen zum Einsatz kommt.

Zum Einkaufen: eine Lupe des gleichen Herstellers mit LED und 6-facher Vergrößerung, damit man wenigstens die Preise noch Lesen kann und an der Kasse keinen Schrecken bekommt.

Und falls niemand da ist, der einem das Sehen abnehmen kann, ist auch eine Aplanatlupe mit wenigstens 10-facher Vergrößerung hilfreich um Feinheiten an technischen Geräten erkennen zu können.

Bei uns gibt es dann noch – weil das alles nicht mehr reicht – ein Bildschirmlesegerät. Darüber berichten wir in einem der nächsten Beiträge.


(1) https://www.free-form.ch/tools/louped.html

(2) Grafik: https://fossiliensammlerbedarf.info/SHOP/Lupen

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