
Thorium Reader ist ein einfach zu bedienender Ebook-Reader für Windows, MacOS und Linux. Wir zeigen, was er alles kann und wo es noch Probleme gibt.
Der Reader ermöglicht es, auf jeder Bildschirmgröße zu lesen, Layout-Einstellungen anzupassen, über das Inhaltsverzeichnis oder die Seitenliste zu navigieren, Lesezeichen setzen und vieles mehr. In der aktuellen Version wird auch das PDF-Format unterstützt.
Das Programm ist weitestgehend zugänglich für sehbehinderte Menschen, die NVDA oder JAWS verwenden.
Thorium ist kostenlos, dennoch wird der Leser nicht mit Werbung überschüttet. Die Anwendung basiert auf dem Open-Source-Toolkit Readium Desktop. Der Entwickler betont auf GitHub: „keine privaten Daten fließen irgendwo“. Das Projekt befindet sich in ständiger Entwicklung, Korrekturen und neue Funktionen werden zügig hinzugefügt und Ihre Unterstützung ist dafür willkommen.

Start und Bedienoberfläche
Nach dem Öffnen der App gelangen Sie zu einem Start-Bildschirm, der die zuletzt gelesenen („Lesen Sie weiter“) und die kürzlich hinzugefügten Bücher zeigt.
Die Schaltfläche „Publikationen importieren“ oben rechts am Fensterrand fügt Bücher zur Thorium-Bibliothek hinzu, die bereits auf dem Computer vorhanden sind. Es öffnet sich der Windows-Explorer über den Sie ihre Bücher auswählen können.
In der linken Seitenleiste gibt es drei Symbole: Start, Alle Bücher und Kataloge. Ganz unten ein Symbol für die Einstellungen. Die Breite des Programmfensters lässt sich mit dem Mauszeiger verändern. Wählt man eine schmale Fensterbreite, werden nur die Symbole angezeigt, die aber alle beschriftet sind und vom Screenreader vorgelesen werden. Das Programmfenster in der Höhe zu verändern, hat bei uns nicht funktioniert, wodurch der Menüpunkt „Einstellungen“ nur teilweise angezeigt wird. Dies ist aber unserer Skalierung des Betriebssystems auf 200% geschuldet.
Einstellungen
Im Menü Einstellungen können Sie die Sprache für die Benutzeroberfläche umstellen, 25 Sprachen stehen zur Auswahl, Deutsch ist voreingestellt.

Die Zugangsdaten für Online-Bibliotheken werden in einer Datei gespeichert, die man hier löschen kann.
Für französische Online-Bibliotheken, die ein anderes Feed-System verwenden, können Sie ebenfalls den Zugang aktivieren.
Außerdem besteht die Möglichkeit, den Zustand der aktuellen Sitzung zu speichern. Das Programm wird dann beim nächsten Start mit dem aktuellen Fensterinhalt gezeigt.
Schließlich können Sie noch festlegen, dass Notizen mit dem Namen des Verfassers versehen werden.

Über den Menü-Punkt Erscheinungsbild wechseln Sie zwischen heller und dunkler Ansicht. Standardmäßig wird die Einstellung erkannt, die das Betriebssystem verwendet.
Der Menü-Punkt Tastenkürzel zeigt eine gut lesbare Übersicht über alle Tastaturbefehle. Sie können die Tastenkombinationen individuell anpassen. Über das Drei-Punkte Menü am oberen Rand der Ansicht können Sie alle Änderungen zurücksetzen, die Änderungen direkt in der Benutzerdatei vornehmen oder Tastenkürzel aus einer eigenen Datei laden.
Eigene Bibliothek
Hier finden Sie eine Übersicht über alle importierten Bücher und fügen neue hinzu mit der Schaltfläche oben rechts.
Die Übersicht lässt sich zwischen Kachel-Ansicht (Standard) und Listenansicht umschalten. Die Schaltflächen befinden sich gut sichtbar am oberen Fensterrand.
In der Listenansicht können Sie die Einträge jeweils unsortiert, auf- oder absteigend sortiert anzeigen lassen. Der Screenreader sagt sogar die Art der Sortierung an. Zudem gibt es ein Suchfeld.
Thorium-Reader legt eine Kopie der importierten Bücher an. Unter Windows (wenn Sie die App über den Microsoft Store installiert haben) im Verzeichnis
C:\Users\<username>\AppData\Local\Packages\EDRLab.ThoriumReader_r3hax6t39xm4t\LocalCache\Roaming\EDRLab.ThoriumReader\publications

Kataloge
Im Menü Kataloge können Sie Kataloge aus verschiedenen Quellen hinzufügen, Publikationen aus örtlichen online Bibliotheken ausleihen oder neue Publikationen über ein OPDS-Feed entdecken.
Exkurs: Ein OPDS-Feed (Open Publication Distribution System) ist ein Format, das verwendet wird, um Kataloge digitaler Inhalte, insbesondere E-Books, über das Internet zu verteilen. OPDS ähnelt einem RSS-Feed nur eben für E-Books, der es ermöglicht, E-Books von verschiedenen Quellen zu finden und zu beziehen. Die Feeds enthalten Metadaten zu den Büchern (Titel, Autor, etc.) und Links, die auf die eigentlichen Dateien verweisen. Meist enthalten sie auch hirarchisch strukturierte Links, mit denen man durch den gesamten Katalog navigieren kann.
Neue Kataloge fügen Sie auch hier über die Schaltfläche oben rechts hinzu. Als Beispiel dient uns die Seite „Projekt Gutenberg“.
OPDS: The Open Publication Distribution System is a method Project Gutenberg makes available to discover new eBooks. OPDS is primarily intended for machine-to-machine communication for use in applications that can present or manage the lists of content.
To use Project Gutenberg’s OPDS feed, start at https://www.gutenberg.org/ebooks/search.opds/.
Fügen Sie im oberen Feld eine aussagekräftige (frei wählbare) Beschriftung und im unteren Feld den Link (am einfachsten per copy & paste) hinzu.

Anschließend finden Sie eine entsprechende Kachel in der Übersicht:

Durch Anklicken der Kachel gelangen Sie in eine Übersicht mit Vorschlägen. Über das Symbol mit dem Haus zur Startseite der Bibliothek.

Und ein erstes Buch aus dem Feed aussuchen:

Nun können Sie das Buch importieren und finden es anschließend in Ihrer Thorium-Bibliothek, Menü „Alle Bücher“.
Leseansicht
Öffnen Sie ein Buch und Sie gelangen in die Leseansicht. Jedes geöffnete Buch erhält ein eigenes Fenster. Das ist extrem praktisch, wenn man zum Lernen gleichzeitig mehrere Publikationen benötigt.

Hier wird es richtig komfortabel! Bei einem neuen Buch wird zunächst das Cover angezeigt, ansonsten die zuletzt gelesene Seite. Bei einer sehr hohen Skalierung der Anzeige im Betriebssystem kann es passieren, dass das Cover eines EPUB nur teilweise angezeigt wird.
Oberhalb der Buchansicht befindet sich ein angedocktes Bedienfeld.

Die Symbole für die einzelnen Schaltflächen sind schön groß und heben sich gut vom schwarzen Hintergrund ab. Alle sind beschriftet und werden vom Screenreader per Tab-Taste angesteuert und vorgelesen.
Von links nach rechts finden Sie dort:
- Zurück zum Bücherregal
- Informationen, mit Popup
- Text To Speach TTS aktivieren
- Publikation durchsuchen
- Lesezeichen setzen, Kontrollfeld
- Notizen, Kontrollfeld
- Navigation, mit Popup
- Einstellungen, mit Popup
- Zen-Mode Umschalter
Einstellungen für die Leseansicht
Hier finden Sie zahlreiche Anpassungsmöglichkeiten für die Darstellung des Buchinhalts. Wir empfehlen für Screenreader-Nutzer das fortlaufende Layout, Sie können dann einfach weiter im Text fortfahren, wie auf einer Webseite, ohne nach den Schaltflächen zum Weiterblättern suchen zu müssen.



Exkurs: Japanische Ruby-Notationen, oft auch als Furigana bezeichnet, sind kleine, neben oder über japanischen Kanji (Schriftzeichen) angeordnete Schriftzeichen, die deren Aussprache (in Hiragana oder Katakana) angeben. Sie dienen als Lesehilfe, insbesondere für weniger geläufige Kanji oder für Kinder und Lernende.
Eigene Schrifteinstellungen
Aktiviert man in der Seitenleiste die Option „Anpassen der Textformatierung“ erhält man Zugriff auf Einstellungen für zusätzliche Schriftarten und Abstände. Sie können Ihre Einstellungen unter „Preferences“ nur für ein konkretes Buch oder generell für alle speichern. Das ist hilfreich, weil manche Lehrbücher nicht mit manchen Anpassungen kompatibel sind. Und einen Reset-Button gibt es auch, falls man zu experimentierfreudig war.


Innerhalb des Popover-Fensters für die Leseeinstellungen finden Sie oben rechts zwei Schaltflächen, mit denen man die Position des Overlays wechselt: rechts oder links angedockt. Allerdings gibt es hier keine Bildlaufleiste, so dass Teile der Einstellungen nicht sichtbar sind. Mit dem Screenreade kann man sie per Tab-Taste noch erreichen aber die Beschriftung für die Schiebeschalter wird nicht gelesen, die Plus- und Minus-Schaltflächen sind nicht beschriftet.

Nach wie vor ein Problem ist die Darstellung von Code-Blöcken im Text: einige Schriftbereiche bleiben sehr klein. Kaum Einfluss hat dabei, welche Schriftart oder Schriftgröße Sie verwenden.

Problem mit Popup-Fenstern
Was bei uns immer mal wieder vorgekommen ist, sind stark verschobene Popup-Fenster. Das passiert vornehmlich bei hoher Skalierung. Die Popup-Fenster lassen sich in dieser Situation leider nicht mit der Maus und auch nicht über das Steuerungsmenü verschieben oder in der Größe ändern. Einige Einstellungen sind dann einfach nicht mehr erreichbar. Auch das Andocken des Popup an der Seite hilft nicht, weil hier ebenfalls der untere Bereich nicht mehr erreicht wird.

Falls Sie die Einstellungen gar nicht erreichen können, besteht eine mögliche Lösung darin, die Skalierung des Betriebssystems auf 100% herabzusetzen und die Windows Bildschirmlupe einzuschalten. Dann nehmen Sie die gewünschten Einstellungen im Reader vor und wechseln zurück auf die ursprüngliche Skalierung.
Menü Navigation
Hier finden Sie nicht nur eine gut lesbare Übersicht über die Kapitel des Buches, sondern auch eine Übersicht über
- Navigationspunkte (z.B. Cover, Impressum, Index)
- Ihre Lesezeichen
- Ihre Anmerkungen
sowie eine Suchfunktion über Seitenzahl oder Stichwort.
Notizen
Sie können Bereiche im Text markieren, diese mit einer Anmerkung versehen und als Notiz speichern. Dabei kann das Aussehen der Markierung angepasst werden. Für die Notiz öffnet sich ein Editor. Die Notiz kann mit einem Stichwort oder einem Tag ergänzt werden.

Alternativ kann man den „Sofortmodus“ zum direkten Speichern – ohne Editor – wählen.
Lesezeichen
Setzen Sie beliebig viele Lesezeichen, sie werden nummeriert und gespeichert. Im Menü „Navigation“ lassen sich die Lesezeichen mit einer eigenen Bezeichnung versehen oder auch löschen.

Ein Stichwort suchen
Das Lupensymbol öffnet ein Suchfeld, in das Sie ein Stichwort eingeben können. Sie erhalten eine Meldung über die Anzahl der gefundenen Textstellen, die auch gleich hervorgehoben werden. Mit den Pfeiltasten springen Sie jeweils zur nächsten Markierung.

Die integrierte Vorlesefunktion
Die Schaltfläche mit dem Lautsprecher-Symbol startet unmittelbar (mit den Voreinstellungen für die Stimme) das Vorlesen des Textes ab der aktuellen Position. Gleichzeitig wird das Menü um Schaltflächen zur Steuerung des Vorlesers erweitert.
Hinter dem Kopfhörer-Symbol verbergen sich die Einstellungen für die Vorlesestimme. Welche Sprachen und Stimmen hier zur Verfügung stehen, hängt von den Einstellungen für die Windows Systemstimmen ab.

PDF-Format lesen
Einige Funktionen der Leseansicht stehen für PDF-Dokumente nicht zur Verfügung. Sie haben hier keinen Einfluß auf die Gestaltung des Buch-Layouts, wie Hintergrundfarbe oder Schrftart. Über die Einstellungen können Sie aber den Zoom-Faktor für die Anzeige ändern. Das kann dazu führen, das die Zeilen nicht mehr in voller Länge in das Programmfenster passen. Der Inhalt lässt sich mit der Maus oder bei gedrückter Shift-Taste mit den Pfeil-Tasten verschieben.



Eine integrierte Vorlesefunktion gibt es für PDFs nicht. Dafür kann sie aber der Screenreader lesen. Ist der Zoom-Faktor höher als 100% wird aber beim zeilenweisen Vorlesen immer zwischen den Zeilen „leer“ gelesen.
Wie in einem Web-Browser können Sie hier schnell mit
Strg + Mausrad
oder den Tasten
Strg + Plus-Taste
Strg + Bindestrich (oder Minus)
vergrößern und verkleinern.
Schließlich gibt es noch den Zen-Mode, der mehr Platz schafft für den eigentlichen Text. Auf einem großen Bildschirm erzielt man dann doch eine beachtliche Vergrößerung. Und in PDFs sehen auch Code-Blöcke ordentlich aus.

Fazit
Wir haben das Programm hier unter einem aktuellen Windows 11 Home und als Version aus dem Microsoft-Store getestet. In den Systemeinstellungen ist eine Skalierung von 200% für den externen breiten Bildschirm (ViewSonic VP 3881) gewählt. Teilweise sind die Probleme dieser hohen Skalierung geschuldet, die aber der gängigen Praxis bei vielen Nutzern mit eingeschränkter Sehfähigkeit entspricht.
Einige Features wünschen wir uns noch: Bildlaufleisten überall, verschiebbare und in der Größe Änderbare Popup-Fenster und natürlich die fehlende Beschriftung im den Einstellungen für den Text der Leseansicht.
Dennoch ist Thorium-Reader einer der besten Ebook-Reader, die derzeit für Windows zur Verfügung stehen. Insbesondere hervorzuheben ist die Zugänglichkeit für Screenreader, sogar bei PDF-Dokumenten.
Wo Sie das Programm finden:
Website der Entwickler, erlab.org
Microsoft-Store
